Erkennt­nis­se der höhe­ren Welt

Aus Rudolf Stei­ner (GA 10): Wie erlangt man Erkennt­nis­se der höhe­ren Welten?

„Wenn wir nicht das tief­grün­di­ge Gefühl in uns ent­wi­ckeln, dass es etwas Höhe­res gibt, als wir sind, wer­den wir auch nicht in uns die Kraft fin­den, uns zu einem Höhe­ren hin­auf­zu­ent­wi­ckeln. Der Ein­ge­weih­te hat sich nur dadurch die Kraft errun­gen, sein Haupt zu den Höhen der Erkennt­nis zu erhe­ben, dass er sein Herz in die Tie­fen der Ehr­furcht, der Devo­ti­on geführt hat. Höhe des Geis­tes kann nur erklom­men wer­den, wenn durch das Tor der Demut geschrit­ten wird. 

Ein rech­tes Wis­sen kannst du nur erlan­gen, wenn du gelernt hast, die­ses Wis­sen zu ach­ten. Der Mensch hat gewiss das Recht, sein Auge dem Lich­te ent­ge­gen­zu­hal­ten; aber er muss die­ses Recht erwer­ben. Im geis­ti­gen Leben gibt es eben­so Geset­ze wie im mate­ri­el­len. Strei­che eine Glasstan­ge mit einem ent­spre­chen­den Stof­fe, und sie wird elek­trisch, das heißt: sie erhält die Kraft, klei­ne Kör­per anzu­zie­hen. Dies ent­spricht einem Natur­ge­setz. Hat man ein wenig Phy­sik gelernt, so weiß man dies. 

Und eben­so weiß man, wenn man die Anfangs­grün­de der Geheim­wis­sen­schaft kennt, dass jedes in der See­le ent­wi­ckel­te Gefühl von wah­rer Devo­ti­on (Andacht) eine Kraft ent­wi­ckelt, die in der Erkennt­nis frü­her oder spä­ter wei­ter füh­ren kann.


In unse­rer Zeit ist es ganz beson­ders wich­tig, dass auf die­sen Punkt die vol­le Auf­merk­sam­keit gelenkt wird. Unse­re Zivi­li­sa­ti­on neigt mehr zur Kri­tik, zum Rich­ten, zum Abur­tei­len und wenig zur Devo­ti­on, zur hin­ge­bungs­vol­len Ver­eh­rung. Unse­re Kin­der schon kri­ti­sie­ren viel mehr, als sie hin­ge­bungs­voll ver­eh­ren. Aber jede Kri­tik, jedes rich­ten­de Urteil ver­trei­ben eben­so­sehr die Kräf­te der See­le zur höhe­ren Erkennt­nis, wie jede hin­ge­bungs­vol­le Ehr­furcht sie entwickelt. 

Damit soll gar nichts gegen unse­re Zivi­li­sa­ti­on gesagt sein. Es han­delt sich hier gar nicht dar­um, Kri­tik an die­ser unse­rer Zivi­li­sa­ti­on zu üben. Gera­de der Kri­tik, dem selbst­be­wuss­ten mensch­li­chen Urteil, dem „Prü­fet alles und das Bes­te behal­tet“, ver­dan­ken wir die Grö­ße unse­rer Kul­tur. Nim­mer­mehr hät­te der Mensch die Wis­sen­schaft, die Indus­trie, den Ver­kehr, die Rechts­ver­hält­nis­se unse­rer Zeit erlangt, wenn er nicht über­all Kri­tik geübt, über­all den Maß­stab sei­nes Urteils ange­legt hätte. 

Aber was wir dadurch an äuße­rer Kul­tur gewon­nen haben, muss­ten wir mit einer ent­spre­chen­den Ein­bu­ße an höhe­rer Erkennt­nis, an spi­ri­tu­el­lem Leben bezah­len. Betont muss wer­den, dass es sich beim höhe­ren Wis­sen nicht um Ver­eh­rung von Men­schen, son­dern um eine sol­che gegen­über Wahr­heit und Erkennt­nis handelt.


Nur das eine muss frei­lich sich jeder klar­ma­chen, dass der­je­ni­ge, der ganz in der ver­äu­ßer­lich­ten Zivi­li­sa­ti­on unse­rer Tage dar­in­nen steckt, es sehr schwer hat, zur Erkennt­nis der höhe­ren Wel­ten vor­zu­drin­gen. Er kann es nur, wenn er ener­gisch an sich arbei­tet. In einer Zeit, in der die Ver­hält­nis­se des mate­ri­el­len Lebens ein­fa­che waren, war auch geis­ti­ger Auf­schwung leich­ter zu errei­chen. Das Ver­eh­rungs­wür­di­ge, das Hei­lig­zu­hal­ten­de hob sich mehr von den übri­gen Welt­ver­hält­nis­sen ab. Die Idea­le wer­den in einem kri­ti­schen Zeit­al­ter her­ab­ge­zo­gen. Ande­re Gefüh­le tre­ten an die Stel­le der Ver­eh­rung, der Ehr­furcht, der Anbe­tung und Bewun­de­rung. Unser Zeit­al­ter drängt die­se Gefüh­le immer mehr zurück, so dass sie durch das all­täg­li­che Leben dem Men­schen nur noch in sehr gerin­gem Gra­de zuge­führt wer­den. Wer höhe­re Erkennt­nis sucht, muss sie in sich erzeu­gen. Er muss sie selbst sei­ner See­le einflößen. 

Das kann man nicht durch Stu­di­um. Das kann man nur durch das Leben. Wer Geheim­schü­ler wer­den will, muss sich daher ener­gisch zur devo­tio­nel­len Stim­mung erzie­hen. Er muss über­all in sei­ner Umge­bung, in sei­nen Erleb­nis­sen das­je­ni­ge auf­su­chen, was ihm Bewun­de­rung und Ehr­er­bie­tung abzwin­gen kann. Begeg­ne ich einem Men­schen und tad­le ich sei­ne Schwä­chen, so rau­be ich mir höhe­re Erkennt­nis­kraft; suche ich lie­be­voll mich in sei­ne Vor­zü­ge zu ver­tie­fen, so samm­le ich sol­che Kraft. 

Der Geheim­jün­ger muss fort­wäh­rend dar­auf bedacht sein, die­se Anlei­tung zu befol­gen. Erfah­re­ne Geheim­for­scher wis­sen, was sie für eine Kraft dem Umstan­de ver­dan­ken, dass sie immer wie­der allen Din­gen gegen­über auf das Gute sehen und mit dem rich­ten­den Urtei­le zurück­hal­ten. Aber dies darf nicht eine äußer­li­che Lebens­re­gel blei­ben. Son­dern es muss von dem Inners­ten uns­rer See­le Besitz ergrei­fen. Der Mensch hat es in sei­ner Hand, sich selbst zu ver­voll­komm­nen, sich mit der Zeit ganz zu ver­wan­deln. Aber es muss sich die­se Umwand­lung in sei­nem Inners­ten, in sei­nem Gedan­ken­le­ben vollziehen. 

Es genügt nicht, dass ich äußer­lich in mei­nem Ver­hal­ten Ach­tung gegen­über einem Wesen zei­ge. Ich muss die­se Ach­tung in mei­nen Gedan­ken haben. Damit muss der Geheim­schü­ler begin­nen, dass er die Devo­ti­on in sein Gedan­ken­le­ben auf­nimmt. Er muss auf die Gedan­ken der Unehr­er­bie­tung, der abfäl­li­gen Kri­tik in sei­nem Bewusst­sein ach­ten. Und er muss gera­de­zu suchen, in sich Gedan­ken der Devo­ti­on zu pflegen.

Jeder Augen­blick, in dem man sich hin­setzt, um gewahr zu wer­den in sei­nem Bewusst­sein, was in einem steckt an abfäl­li­gen, rich­ten­den, kri­ti­schen Urtei­len über Welt und Leben: jeder sol­cher Augen­blick bringt uns der höhe­ren Erkennt­nis näher. 

Und wir stei­gen rasch auf, wenn wir in sol­chen Augen­bli­cken unser Bewusst­sein nur erfül­len mit Gedan­ken, die uns mit Bewun­de­rung, Ach­tung, Ver­eh­rung gegen­über Welt und Leben erfül­len. Wer in die­sen Din­gen Erfah­rung hat, der weiß, dass in jedem sol­chen Augen­bli­cke Kräf­te in dem Men­schen erweckt wer­den, die sonst schlum­mernd blei­ben. Es wer­den dadurch dem Men­schen die geis­ti­gen Augen geöffnet. 

Er fängt dadurch an, Din­ge um sich her­um zu sehen, die er frü­her nicht hat sehen kön­nen. Er fängt an zu begrei­fen, dass er vor­her nur einen Teil der ihn umge­ben­den Welt gese­hen hat. Der Mensch, der ihm gegen­über­tritt, zeigt ihm jetzt eine ganz ande­re Gestalt als vor­her. Zwar wird er durch die­se Lebens­re­gel noch nicht imstan­de sein, schon das zu sehen, was zum Bei­spiel als die mensch­li­che Aura beschrie­ben wird. Denn dazu ist eine noch höhe­re Schu­lung nötig. Aber eben zu die­ser höhe­ren Schu­lung kann er auf­stei­gen, wenn er vor­her eine ener­gi­sche Schu­lung in Devo­ti­on durch­ge­macht hat.

Geräusch­los und unbe­merkt von der äuße­ren Welt voll­zieht sich das Betre­ten des „Erkennt­nis­pfa­des“ durch den Geheim­schü­ler. Nie­mand braucht an ihm eine Ver­än­de­rung wahr­zu­neh­men. Er tut sei­ne Pflich­ten wie vor­her; er besorgt sei­ne Geschäf­te wie ehe­dem. Die Ver­wand­lung geht ledig­lich mit der inne­ren Sei­te der See­le vor sich, die dem äuße­ren Auge ent­zo­gen ist. Zunächst über­strahlt das gan­ze Gemüts­le­ben des Men­schen die eine Grund­stim­mung der Devo­ti­on gegen­über allem wahr­haft Ehrwürdigen. 

In die­sem einen Grund­ge­füh­le fin­det sein gan­zes See­len­le­ben den Mit­tel­punkt. Wie die Son­ne durch ihre Strah­len alles Leben­di­ge belebt, so belebt beim Geheim­schü­ler die Ver­eh­rung alle Emp­fin­dun­gen der See­le. Es wird dem Men­schen anfangs nicht leicht, zu glau­ben, dass Gefüh­le wie Ehr­er­bie­tung, Ach­tung und so wei­ter etwas mit sei­ner Erkennt­nis zu tun haben. Dies rührt davon her, dass man geneigt ist, die Erkennt­nis als eine Fähig­keit für sich hin­zu­stel­len, die mit dem in kei­ner Ver­bin­dung steht, was sonst in der See­le vor­geht. Man bedenkt dabei aber nicht, dass die See­le es ist, wel­che erkennt. Und für die See­le sind Gefüh­le das, was für den Leib die Stof­fe sind, wel­che sei­ne Nah­rung ausmachen.


Wirk­sa­mer noch wird das, was durch die Devo­ti­on zu errei­chen ist, wenn eine ande­re Gefühls­art hin­zu­kommt. Sie besteht dar­in­nen, dass der Mensch lernt, sich immer weni­ger den Ein­drü­cken der Außen­welt hin­zu­ge­ben, und dafür ein reges Innen­le­ben ent­wi­ckelt. Ein Mensch, der von einem Ein­druck der Außen­welt zu dem andern jagt, der stets nach „Zer­streu­ung“ sucht, fin­det nicht den Weg zur Geheimwissenschaft.


Es ist ein Grund­satz in aller Geheim­wis­sen­schaft, der nicht über­tre­ten wer­den darf, wenn irgend­ein Ziel erreicht wer­den soll. Jede Geheim­schu­lung muss ihn dem Schü­ler ein­prä­gen. Er heißt: Jede Erkennt­nis, die du suchst, nur um dein Wis­sen zu berei­chern, nur um Schät­ze in dir anzu­häu­fen, führt dich ab von dei­nem Wege; jede Erkennt­nis aber, die du suchst, um rei­fer zu wer­den auf dem Wege der Men­schen­ver­ede­lung und der Wel­ten­ent­wick­lung, die bringt dich einen Schritt vor­wärts. Die­ses Gesetz for­dert uner­bitt­lich sei­ne Beob­ach­tung. Und man ist nicht frü­her Geheim­schü­ler, ehe man die­ses Gesetz zur Richt­schnur sei­nes Lebens gemacht hat. Man kann die­se Wahr­heit der geis­ti­gen Schu­lung in den kur­zen Satz zusam­men­fas­sen: Jede Idee, die dir nicht zum Ide­al wird, ertö­tet in dei­ner See­le eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ide­al wird, erschafft in dir Lebenskräfte.”


Eine Antwort zu “Erkennt­nis­se der höhe­ren Welt”

  1. Mal ganz sub­jek­tiv: mir sind die Erkennt­nis­se der höhe­ren Welt nicht so wich­tig. Ich bin froh, wenn ich die Rea­li­tä­ten des Lebens in unte­ren Welt (in denen ich mich lei­der auf­hal­ten muss) irgend­wie bewältige.
    Sicher ist mir das klar, dass es mir gar nicht gut tut, über ande­re schlecht zu den­ken oder auch dar­über zu reden. Auch ver­su­che ich, immer das eigent­li­che Wesen hin­ter son­der­ba­ren Eigen­schaf­ten zu sehen. Aber das mache ich nicht, damit ich Erkennt­nis­se bekomme.

    Das mache ich, weil es mir bes­ser geht, wenn ich mich aus Gehet­ze, Genör­gel, Bes­ser­wis­se­rei her­aus­hal­te. Man kann sagen, die­se mit Abnei­gun­gen gefüll­ten Gedan­ken sind dazu, uns vom Licht abzuhalten.
    Ande­rer­seits mer­ke ich gera­de, dass es tat­säch­lich eine Wir­kung hat, wenn ich einen Men­schen, den ich nicht so mag, mit die­ser posi­ti­ven Hal­tung betrach­te. Ich mer­ke, dass ich sei­ne Wesen bes­ser erken­ne und ver­ste­he und auch mich bes­ser ver­ste­he, war­um ich ihn eher mit Abnei­gung erfühle.

    Rudolf Stei­ner hat schon recht. Obwohl er immer so lang­at­mig ist.….

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